Rälle Hui und Narri Narro: Was es mit der schwäbischen Fasnet auf sich hat

Bei Schwabenpower kennt man die fünfte Jahreszeit. Du auch? Nicht nur am Rhein wird diese groß zelebriert, auch in Süddeutschland und eben auch in Schwaben: Die Rede ist natürlich von der Fasnet! Was anderswo Fasching, Fasnacht oder Karneval heißt, hat rund um die Schwabenpower-Heimat in Zwiefalten eine jahrzehntelange und ganz besondere Tradition.

Ursprung: Woher kommt die Fasnet?

Ihre Ursprünge hat die Fasnet bereits im Mittelalter. Damals markierte sie die letzte große Zeit des Feierns, Essens und Ausgelassenseins vor der 40-tägigen Fastenzeit. Gleichzeitig war sie aber auch Ventil: Die Menschen konnten für kurze Zeit aus ihren festen Rollen ausbrechen, Autoritäten verspotten und gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf stellen.

Gerade bei uns in Schwaben, wo uns bäuerliche Strukturen und der kirchliche Einfluss lange sehr geprägt haben, entwickelte sich daraus eine sehr eigene Form der Fasnet – bodenständig, manchmal derb, oft humorvoll, aber immer mit klaren Regeln. Das ist bis heute spürbar: In Zwiefalten etwa gibt es die „Bruddelsupp“, bei der jeder aus dem Ort „bruddeln“, sich also beschweren darf – natürlich humorvoll. Wer am besten bruddelt, wird Bruddelkönig oder -königin.

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Gibt es einen Unterschied zwischen Fasnet, Karneval und Fasching?

Kurzum: Nein, Fasnet, Karnevel, Fasching und auch Fasnacht sind regional unterschiedliche Begriffe für das übergeordnet selbe Kulturgut. Es gibt feine Unterschiede – bei uns etwa gibt es mehr Masken, im Rheinland mehr Bühnenprogramme. Grundsätzlich gilt aber: Während es im schwäbischen Fasnet oder Fasnacht heißt, wird im Rheinland Karneval und in Bayern, Franken (und auch Teilen Österreichs) Fasching gefeiert.

Wie läuft die typische Fasnet ab?

Die schwäbische Fasnet folgt einem festen Ablauf, der sich jedes Jahr wiederholt und in vielen Orten sehr ähnlich gelebt wird:

  • Auftakt nach Dreikönig (6. Januar): Mit Bräuchen wie dem „Häsabstauben“ oder einer Narrentaufe (Aufnahme neuer Mitglieder in eine Zunft) beginnt die Fasnet. Ab diesem Zeitpunkt dürfen Häser und Masken wieder getragen werden, die Zünfte (Fasnetsvereine) treffen sich und bereiten sich auf die närrische Zeit vor.
  • Höhepunkt in den Wochen vor Aschermittwoch: Narrensprünge, Umzüge, Programmbälle und Dorffasneten prägen diese Phase. In vielen Orten steht nun für einige Wochen das gemeinsame Feiern im Mittelpunkt – mit festen Ritualen, Musik und natürlich Narren in voller Montur.
  • Ende mit Aschermittwoch: Mit dem Aschermittwoch endet die Fasnet und die Fastenzeit beginnt – hier ist die Verbindung zum Kirchlichen gut zu erkennen. Die Masken verschwinden im Schrank, das Häs wird abgelegt und in vielen Orten symbolisch „verabschiedet“. Mal wird die Fasnet mit dem „Kehraus“ beendet, mal vergraben, mal verbrannt – hier gibt es viele lokale Wege, die fünfte Jahreszeit (oft tränenreich) bis zum folgenden Jahr zu verabschieden.

Die Rolle der Narren: Mehr als nur Party und Verkleidung

Auch wenn vielerorts nur große Feiern und lange Partynächte nach außen dringen, ist der Kern der Fasnet doch deutlich vielschichtiger. In der oberschwäbischen Fasnet schlüpfen Menschen nicht einfach nur in ihr „Häs“, also Kostüm – man wird zum Narr‘. Jede Figur hat eine feste Bedeutung, einen Charakter und oft eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die Narren übernehmen dabei mehrere Rollen:

  • Bewahrer von Tradition und Geschichte (über Rituale, Umzüge und das Zusammenkommen)
  • Kommentatoren des Dorf- und Zeitgeschehens (vor allem bei offiziellen Anlässen wie Programmbällen)
  • Teil einer starken Gemeinschaft (inklusive Jugendarbeit und großer Vereinsstrukturen)

Gerade in kleineren Orten kennt jeder „seine“ Narren und Figuren – und auch die aus dem Nachbarort und der nächstgrößeren Stadt. Auch die Narrenrufe, die jeder Fasnetsverein hat, sind bekannt. Klassiker sind „Narri – Narro“, es gibt aber auch weitaus gewagtere und auf den ersten Blick seltsam anmutende wie:

  • Schlippr-Schlappr – Hülaschlappr (Narrenzunft Steinhilben)
  • Kraut – Scheißer (Narrenzunft Unterhausen)
  • Alter Weiber, Enta, schnattret hinterm See ond will ma se versaifa no sind se nina meh! (Narrenzunft Bad Waldsee)

Struktur und Organisation der schwäbisch-alemannischen Fasnet

Die gesamte schwäbisch-alemannische Fasnet – übrigens immaterielles Kulturerbe der UNESCO – ist dabei nachvollziehbar und professionell strukturiert und organsiert, um die Kultur und Vielfalt zu erhalten. Ein Beispiel ist ist die Vereinigung Freier Oberschwäbischer Narrenzünfte (VFON), zu der auch die lokale Narrenzunft Rälle aus Zwiefalten gehört. Sie verbindet zahlreiche freie Narrenzünfte und setzt sich für eine ursprüngliche, nicht kommerzialisierte Fasnet ein.

Was bedeuten die Häser und Masken in der Fasnet?

Wenn du in der fünften Jahreszeit unterwegs bist, begegnen dir am Wochenende in vielen Orten Narren mit ihren Masken und Häsern. Gerade die oft aufwändigen und detailreichen Häser sind das Herzstück jeder Zunft. Es besteht meist aus Leinen, Wolle oder Filz und ist bewusst langlebig gestaltet. Anders als moderne Kostüme wird ein Häs oft jahrzehntelang getragen, gepflegt, repariert und von Narr‘ zu Narr‘ weitergegeben.

Fast noch besonderer sind die Holzmasken der Narren, eine der markantesten Elemente der Fasnet. Eine Maske verleiht dem Narren seine Identität – anonym, aber trotzdem unverwechselbar.

Traditionell werden diese Masken aus Lindenholz geschnitzt. Und, das macht sie so besonders: Durch die Handarbeit ist jede ist ein Unikat, die Jahrzehnte überlebt. Gesichtsausdruck, Falten, Nase oder Grinsen erzählen immer eine individuelle Geschichte. In Oberschwaben sind viele Maskenschnitzer echte Künstler, deren Arbeiten man sofort erkennt.

Auch im Raum Zwiefalten stammen zahlreiche Masken von regionalen Schnitzern. Nicht selten werden sie innerhalb der Familie weitergegeben – inklusive kleiner Macken und Gebrauchsspuren, die erst mit den Jahren entstehen.

Fazit: Die Fasnet gehört zu Schwaben

Möglicherweise fragst du dich zurecht, warum genau wir von Schwabenpower so ausführlich über dieses besondere Brauchtum schreiben. Weil es genau das ist: besonders. Die Fasnet gehört in Schwaben einfach dazu. Handgemachte Häser, geschnitzte Masken, besondere und schöne Rituale, Menschen, die das Brauchtum weitertrage und friedlich miteinander feiern, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Das kann man doch nur mögen, oder nicht?


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